Navigations-Software auf der Ostsee

„Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will.“

(Michel de Montaigne, 1533 – 1592)

NavigationUnd wenn das Ziel ins Auge gefasst ist, hilft ja noch etwas Navigation beim Ankommen. Was wir dafür an Krempel auf unserer kurzen Folkeboot-Tour einpackten, hätte vermutlich auch für eine ganze Flotte genügt, aber wir genossen auch etwas die Beschäftigung damit, vorab und unterwegs ein paar Sachen auszuprobieren. Folgend unsere Erfahrungen ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit, und Navi-Profis blättern besser direkt weiter – es sind alles nur persönliche Erfahrungen von uns, die wir im Leben ansonsten noch andere Themen zu stemmen haben als Navigation und Rumsegeln. Wir schreiben’s also eher für uns selber auf.

  • Unsere eigenen Kenntnisse bildeten sich in den Jahren zuvor irgendwo aus diesen Eckpunkten:
  • Auf einem „normalen“ Charterboot war oft ein Plotter vorhanden, plus Navionics auf iPad.
  • Auf den Binnenrevieren reichen uns meist offene Augen und Intuition.
  • Auf diversen Mitsegeltouren mit Segelprofis hing immer eine Papierkarte am Steuerstand, plus professionelles GPS mit reiner Textanzeige, irgendwo montiert bei AIS und Radar. Null Plotter.

Davon würde uns auf dem Folkeboot nur aus Punkt 3 ein kompletter Satz Karten plus ein einfaches Garmin-GPS zur Verfügung stehen (dessen abstrakte Bedienung für uns ehrlich gesagt bis heute noch immer etwas rätselhaft ist). Keine weiteren Einbauinstrumente, kein Echolot usw. Elektrischen Strom gibt es dann immer erst abends am Steg. Das ist natürlich schon mal viel mehr, als die Segler noch vor wenigen Jahren nutzen konnten. Andererseits ist es unterwegs nicht mit einem Blick getan, wenn man nur kurz seine aktuelle Position in der Papierkarte verorten will – zwei Zahlenreihen aus dem GPS notieren, Lineal, Zirkel und Stift sowie eine ebene Fläche suchen … und dann sorgfältig zeichnen. Irgendein digitaler Schnickschnack wäre also sicher auch nützlich. Es sammelten sich dazu unterwegs am Ende diese Gerätschaften an (die wir eh besitzen, also nix neu gekauft):

  • Android-Smartphone
  • iOS Smartphone
  • einfaches Android-Tablet
  • Velocitek Speedpuck

Speed und Strom an Bord

Um den Speedpuck vorweg zu nehmen: der ist einfach total praktisch, die Tour in einem GPS-Track mitzuschreiben, mit dem man beispielsweise hinterher seine Fotos vertaggen kann. Der Track ist über USB auszulesen und kann in diversen Programmen genutzt werden, vor allem saugt man sich nicht seine Smartphone-Akkus leer. Das Ding haben wir mal gebraucht gekauft, neu wäre er viel zu teuer (und seine eigentliche Stärke ist – für andere Anwendungen – nicht das Tracken, sondern seine extrem flott aktualisierende Geschwindigkeitsanzeige). Drei Mignon-Batterien hielten die ganze Tour, die restlichen Ersatzbatterien fliegen nun hier ungenutzt rum …

Navigation

Unsere elektronische Navi-Ecke

A propos Strom: Wenn auf halber Strecke der Saft ausgeht, nützt der ganze Spielkram nix. Wir haben uns daher noch mit zwei Ersatzakkus zu je 20100 mAh verproviantiert. Kurz gerechnet: wenn die wiederum leer sind, braucht ein 1-Ampere-USB-Ladegerät am Landstromkabel … upps: 20 Stunden. Also noch ein stärkeres USB-Ladegerät gekauft, kann man eh gebrauchen. Und noch eine 3er-Steckdose eingepackt, um im Hafen im Boot alles einstecken zu können. Zumindest für das Tablet haben wir auch eine Aquapac-Hülle und für das iPhone eine komplett dichte Otterbox.

Navigations-Software

Soweit die Hardware – aber welche Software? Hier erlebten wir als größte Hürde, dass die meisten Kartenanbieter kein für uns (ohne festes eigenes Boot am Revier) passendes Preismodell anbieten: Für die grobe Vorbereitung und vor allem Vorfreude im Winter nutzen wir veraltete NV-Karten (könnte man mal im Winter berichtigen … geht das überhaupt mehrere Jahre zurück?). Dazu bekommt man aber bei NV keine einzelne aktuelle Digitalkarte. Wir kaufen natürlich nicht nochmal einen neuen kompletten Satz, denn dann hätten 1. die alten Karten, 2. einen nagelneuen Satz mit digitalen Karten und 3. noch die aktuellen Karten auf dem Boot. Das gesparte Geld legen wir lieber zur Seite für die Chartergebühr einer nächsten Klassiker-Tour.

Angesehen haben wir uns vorab seit der boot in Düsseldorf 2016 diese Apps:

  • Delius Klasing Yacht Navigator
  • NV charts
  • KartenWerft
  • Navionics Boating

Am schnellsten raus war NV: nicht rein digital zu kaufen (Update von März 2017: nach wie vor leider nur zusammen mit Papierkarten), aber auch von der komplizierten und an das Endgerät null angepassten Bedienung echt nicht unser Ding. Wenn ich schon Fenster aufploppen sehe, die nicht skalieren und ein Menü, das nach dem Start auf dem Smartphone vor allem Menüpunkte präsentiert, die man unterwegs nie benötigt (wie i/über, Einstellungen und Cloud)… das ist andererseits sehr schade, denn die Inhalte machen einen guten Eindruck. Gibt sicher viele Erklärungen, warum was wie gelöst ist – wir haben uns mehrfach drangewagt und dann aufgegeben. Es fehlt die „convinience“.

Kartenwerft scheint von ehemaligen NV-Mitarbeitern gegründet zu sein, was für die Inhalte viel versprach. So bekommen wir seitdem auch prima Reviermeldungen in der App angezeigt (auch ohne Abo). Die offenbar noch recht junge App funktioniert weitgehend wie erwartet und man findet sich zurecht. Die stark erweiterte App-Version mit Peilmöglichkeit usw. ist aber nicht ganz billig Zumindest dafür, dass man vorher nirgends richtig sehen kann, was sie leisten soll [Update: mittlerweile gesehen, dass im Online-Manual mehr Infos stehen] und man die Karten obendrauf zahlt – und wieder müssten wir zusätzlich Papierkarten kaufen, die wir wie gesagt schon jetzt doppelt haben. Diese App werden wir uns aber 2017 auf jeden Fall nochmal neu ansehen.

Navionics App

Navionics App

Für Navionics Boating gab es einen kostenlosen Testzeitraum, in dem man eine Karte komplett nutzen kann. Das haben wir genutzt, aber mit der Kartendarstellung wurden wir nicht warm, vielleicht ist man einfach zu sehr die DK- und NV-Karten gewohnt. Supertoll ist natürlich die schön zoomende vektorbasierte Grafik, die Pixelgrafiken der anderen Anbieter nerven schon oft beim Übergang von Ausschnitten, wo man nie weiß, ist da jetzt was abgeschmiert oder soll das so krüppelig aussehen. Aber auch in den Hafenplänen wurde es dann manchmal etwas komisch: Natürlich will man nicht nur mit der Nase auf dem Screen zwischen Pfahlreihe 3 und 4 einparken. Aber wenn im Hafenbild ein Durcheinander an Punkten angezeigt wird, macht das doch mißtrauisch. Aber echt cool fanden wir die Peilmöglichkeiten. Schnell war auf dem auch draußen gut ablesbaren iPhone eine Linie des geschätzten Kurses festgepinnt, mit dem wir später nach ein paar Wenden in den Hafen kommen müssten, und die aktuelle Peillinie des aktuell tatsächlich gefahrenen Kurses ist schön lang, um zu sehen, wo sie dann unsere so gesetzte nächste Kurslinie oder einen anderen Punkt schneidet. Routing und Tracking haben wir mit Navionics nicht ausprobiert, dieses Smartphone war aber auch so schon immer relativ schnell akkuseitig etwas dünn (weil da immer noch MotionX GPS mitlief).

DK Yacht Navigator

Dk Yacht Navigator (nein, das Tablet ist nicht kaputt – die Anzeige soll wohl so aussehen …)

Bleibt der Delius Klasing Yacht Navigator, auf dem wir dann eine Lizenz erworben haben. Mit ihm haben wir auf dem Tablet schon mal Routen vorgeplant (aber dann auch noch auf Papier skizziert). Genutzt haben wir ihn vordergründig, weil das Preisangebot entsprechend variabel war. Hätten wir auch hier wieder nochmal Papierkarten kaufen müssen, hätten wir lieber auf jede App verzichtet. Die Software ist aber auch vom Ansatz her – wie die bereits viel weiter fortgeschrittene KartenWerft-App – vielversprechend. Es ist noch nicht alles so wie langfristig von Delius Klasing geplant, aber man macht das Ding an und hat dann auch schnell raus: Wo bin ich, wo will ich hin, welche Kurse sind angesagt usw. statt dass man sich vertüddelt und frustriert ist. Hier gibt es auch eine Möglichkeit, wie bei Navionics frei eine Peil-/Kurslinie irgendwo zu platzieren, haben wir aber dort noch nicht oft genutzt. Der Vorausvektor könnte vielleicht viel länger sein. Tracks haben wir auch mitgeschrieben bekommen, aber es ist natürlich total Mist, dass man sie (wie auch geplante Routen) überhaupt nicht exportieren / versenden kann. Wäre das möglich gewesen, hätten wir vielleicht noch eine 2. Lizenz gekauft, um eine Route oder Track auf ein anderes Device zu überspielen – so sind die Daten in einem Gerät gefangen.

Update Oktober 2016: Dem Yacht Navigator stehen einige Neuerungen bevor

Erstaunlicherweise hielt der Akku des Tablets sehr lange. Dafür war leider das Display draußen schwer ablesbar, und von Prozessorleistung / möglicher Android-Version war dies am unteren Leistungsniveau. Das Zoomen und Verschieben von Kartenausschnitten brauchte da schon manchmal sehr viel Geduld, dennoch hat es irgendwie so geklappt, dass wir es jeden Tag nutzten.

Bei allen Programmen etwas lästig ist: Man weiß nie, laufen die gerade noch, sind sie mit dem Telefon oder Tablet in den Standby gegangen, wird ein Track noch geschrieben oder nicht mehr? Das sind sicher beantwortbare Fragen, aber dazu hätten wir uns vorher eher auf eine Software festlegen sollen und dann alle Details einmal in der Tiefe ausprobieren.

Weitere Apps für einen Segeltörn

Im Laufe der Zeit sammeln sich ja diverse maritime Apps auf einem Smartphone, davon haben wir diese genutzt:

Meteogroup WeatherPro vereint viele gute Informationen, es hat immer alles gut gepasst.

Sejlsikkert

Dänische Sejlsikkert-App mit hervorragend aufbereiteten Revierinfomationen

Sejlsikkert ist echt ein Knaller: eine dänische App mit allen wichtigen Informationen und kurzfristiger Wettervorhersage für das Revier in Dänemark. Die Visualisierung der Windverhältnisse ist bei der Routenplanung sehr anschaulich. Dazu wird sogar noch der zu erwartende Strom eingeblendet. Besser geht es eigentlich nicht. Aufmerksam sind wir darauf eigentlich zuerst bei unserer Informationssuche gekommen, wo da eigentlich wann dänische Marine in der Gegend rumballert: Auch diese Meldungen sind deutlich in den Kartenübersichten vermerkt. Die App ist  nicht zur Navigation da, zeigt aber überdeutlich, wie man eine App für kleine Bildschirme richtig baut!

Google Translate: um die Einträge in der Sejlsikkert zu übersetzen …

MotionX GPS: Noch ein GPS-Programm? MotionX stellte sich zufällig als gute Lösung heraus, einen Live-Track für unsere lieben Freunde zu Hause zu liefern. Nicht, weil das jetzt eine besondere Tour war, sondern weil immer gerne jemand tagsüber nachguckt: „Na, wo sind sie denn gerade?“ Die anderen Segel-Lösungen für Live-Tracks gehen davon aus, dass man einen professionellen Event organisiert – alles viel zu übertrieben. MotionX  hat bei Mobilfunkverbindung immer den Track nachgeladen und aktualisiert, saugt aber tagsüber auch Akku, obwohl wir den Broadcast auf alle 10 Minuten gesetzt hatten.

Fazit

Insgesamt waren die Navigations-Apps, die wir ohne Papierkarten erwerben konnten, für uns eine gute Ergänzung zum (eh vorhandenen) klassischen Kartenmaterial und den Handbüchern. Letztere sollte man natürlich auf alle Fälle benutzen, sie brauchen keinen Strom und helfen, wenn Objekte zum Peilen vorhanden sind, selbst ohne GPS. Wichtige Informationen, die in den Hafenhandbüchern stehen, fehlen aber oft in den Apps, wie Fahrwasser, Strömung, Ansteuerung, Infrastruktur usw. Und was ist übersichtlicher, als ein im Cockpit liegender Papierkartenausschnitt. Die Akkus haben auch lange genug gehalten (bis auf das Smartphone mit laufendem MotionX) und wir hatten ja auch noch Ersatz dabei. Einziger Nachteil war, dass man im Freien eine schlechte Sicht auf das Tablet hatte, vielleicht könnte man das verbessern, indem man eine Folie auf den Bildschirm aufbringt. Und Routen nicht auf mehreren Geräten gemeinsam nutzen zu können – das ist ebenfalls nicht mehr zeitgemäß. Einen Bonuspunkt dagegen gibt’s für unsere Überraschung der Tour, die dänische Sejlsikkert-App.

Jetzt müssen wir – nicht nur für die App – wenigstens ein paar Worte Dänisch lernen.

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